Familie & Gesundheit

Warum manche Menschen mehr Angst haben als andere

26. Juni 2020. In den letzten Monaten wurde unser Leben stark durch Angst bestimmt. Schleichend wurde sie zu unserer allgegenwärtigen Begleiterin, veränderte die Stimmung auf den Straßen und die Augen der Menschen. Die Gefahrenlage definiert sich stetig neu und so auch das alltägliche Leben. Während die einen schon wieder weitestgehend wie früher (wenn auch maskiert) ihrem Alltag nachgehen, ziehen andere es vor, sich weiterhin zu isolieren. Das liegt natürlich an der individuellen Gefahrenlage aber das allein ist es nicht...

Jeder hat Angst...

Auch vor und nach Corona sind wir Menschen in puncto Ängstlichkeit zum Teil extrem unterschiedlich gestrickt. Bei circa 15% der Deutschen werden Ängste sogar krankhaft. Damit sind Angststörungen die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland… Warum manche Menschen ängstlicher sind als andere erfahren Sie hier.

Angst ist gut

Natürlich ist sie das. Sie warnt uns vor Gefahr wie eine innere Stimme, die mehr als das Offensichtliche zu wissen scheint. Ohne das Gefühl der Angst wäre die Menschheit nie so weit gekommen. Angst ist letztlich ein Instinkt zur Arterhaltung, schützt uns und macht uns leistungsstärker, wenn es darauf ankommt. Im entscheidenden Moment stößt sie innere Programme an, die dem Menschen zur Flucht oder zum Angriff verhelfen (auch die Option „Totstellen“ ist dabei - heutzutage aber meistens nicht die Handlungsdevise der Wahl;)). Die Angsthasen von gestern sind letztlich die Vorfahren von morgen. Anders gesagt, wer auf sich aufpasst und nicht völlig angstbefreit jedes Risiko in Kauf nimmt, erhöht seine Chance auf ein langes Leben, was auch den Nachkommen und der Erhaltung der eigenen Art zu Gute kommt.

Wenn Angst zur Bedrohung wird

Es ist also gut und wichtig, dass wir ängstlich sind. Angst macht aber nur dann Sinn und birgt einen Nutzen für uns, wenn sie uns vor realen Gefahren warnt. Ängste können aber geradezu ein Eigenleben entwickeln und mit der Zeit so groß und omnipräsent werden, dass sie plötzlich auf alles ihren Schatten werfen, dass sie uns lähmen, isolieren und schwächen. Das hat dann mit einer „normalen“ bzw. gesunden Ängstlichkeit nichts mehr zu tun. Wenn Ängste unser Leben dauerhaft negativ beeinflussen und sich da ausbreiten, wo an sich keine existenzbedrohende Gefahr besteht, hat sich eine Angststörung entwickelt. Das passiert leider viel häufiger als man denkt. Noch vor der Depression ist die Angststörung die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Das mag überraschen, weil nach wie vor wenig darüber gesprochen wird. Viel zu oft nehmen die Betroffenen sie als Teil ihrer vermeintlichen Persönlichkeit in Kauf, schämen sich und nehmen gute Möglichkeiten zur Behandlung nicht wahr.

Das bestimmt wie ängstlich wir sind

Aber wieso sind wir eigentlich nicht alle gleich ängstlich? So dass die Angst uns gerade im richtigen Maß bei unseren Entscheidungen lenkt, nicht zu viel und nicht zu wenig beeinflusst… Vielmehr scheint es ein riesiges Spektrum der Ängstlichkeit zu geben, in dem wir Menschen uns bewegen. Die einen sind sehr schreckhaft oder entwickeln gar ungesunde Ängste, während die anderen selbst bei realen Bedrohungen fast zu unberührt bleiben.

Tatsächlich gibt es dafür nicht den einen Grund aber doch verschiedene Faktoren, die uns mehr oder weniger ängstlich machen.

Sie liegt uns im Blut

Ja, leider sind wie so oft unsere Gene nicht ganz unbeteiligt daran, wie stark unsere Ängste sind und auch vor was wir Angst haben. Angststörungen in der Familie erhöhen definitiv die Wahrscheinlichkeit eine Angststörung zu entwickeln, wenn die entsprechenden Auslöser sie „triggern“, wie zum Beispiel großer dauerhafter Stress oder konkrete lebensverändernde Ereignisse. Dies können negative Erlebnisse sein aber auch große Ereignisse, die an sich positiv sind, sich aber dennoch als überfordernd und belastend erweisen, wie eine Beförderung, eine Eheschließung oder die Geburt eines Kindes. Ursächlich ist vermutlich das Stresshormon Cortisol, was die entsprechenden „Angst-Gene“ sozusagen aktiviert. Die Freiburger Psychiaterin Domschke hat jedoch ermittelt, dass Psychotherapie helfen kann, um die entscheidenden Gene wieder zu „deaktivieren“ und den Patienten zu heilen.

Kindheit und Erziehung

Inwieweit Eltern mit ihren eigenen Ängsten und Erziehungsmaßnahmen die Ängstlichkeit ihrer Kinder potentiell fördern ist nicht eindeutig nachvollziehbar bzw. belegt. Ein offensiver Umgang mit Ängsten ist jedoch auf jeden Fall förderlich. Wer seinen Ängsten aus dem Weg geht, indem er sie vermeidet, fährt eine Strategie, die die Angst auf lange Sicht nur noch mehr wachsen lässt. Hier können Eltern sicher helfen, Ängsten gemeinsam die Stirn zu bieten. Mal abgesehen von der Erziehung prägen Kindheitserfahrungen aber natürlich auch stark unseren Charakter. Tiefenpsychologische Studien belegen, dass Menschen, die als Kind schmerzhafte Trennungserfahrungen gemacht haben, später stärker unter Ängsten leiden. Grund ist die tiefliegende Angst, geliebte Menschen und deren Zuneigung zu verlieren. Auch Kinder, die anhaltenden psychischen Belastungen ausgesetzt sind oder dauerhaft aggressive oder sexuelle Impulse unterdrücken mussten, entwickeln später eher Phobien und ungesunde Ängste.

Faktor Persönlichkeit

Gibt es den geborenen Angsthasen? Ist Ängstlichkeit auch ein Charakterzug, den wir einfach haben oder eben nicht? Dies ist sicher eine umstrittene Fragestellung, die unterschiedlich von der Wissenschaft beantwortet wird. Es gibt Studien, die belegen, dass es keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Charaktereigenschaften und der Entwicklung einer Angststörung gibt. Andere Theorien besagen das Gegenteil. So beschreibt zum Beispiel der von dem Psychologen H.J. Eysenck geprägte Begriff des Neurotizismus ein gewisses Persönlichkeitsspektrum des Menschen von „stabil“ bis hin zu „labil“. Ursächlich dafür, dass manche Menschen per se eher ängstlich, unruhig und unsicher (also labil/neurotisch) seien, nennt er die höhere Sensibilität des limbischen Systems, einem Bereich im Hirn, der zentral für die Verarbeitung von Emotionen ist und bei neurotischen Menschen überempfindlich auf äußere Einflüsse reagiert. Das sei an sich nichts krankhaftes, also nicht zu verwechseln mit einer Neurose.  

Nichtsdestotrotz belegen mehrere Studien aus unterschiedlichen Ländern, dass neurotische Menschen häufig anfälliger für psychische und körperliche Leiden sind. Stress kann von ihnen eher schwer ausgehalten werden, psychische Probleme wie Burn-Out, Unzufriedenheit und auch Angststörungen treten häufiger auf. Eine amerikanische Studie stellt sogar fest, dass die Herzfrequenz neurotischer Menschen dauerhaft erhöht und die Lebenserwartung niedriger ist als bei stabileren Charaktertypen.

Der Angst entgegentreten

Häufig treten krankhafte Ängste bereits im Kindes- oder Jugendalter auf. Bei knapp der Hälfte aller Betroffenen werden Angststörungen jedoch nicht als solche erkannt. Häufig werden die entsprechenden körperlichen Symptome von Betroffenen und Hausärzten als rein körperliches Leid betrachtet. Auch die Scham darüber, sich vor Dingen oder Situationen, die für andere völlig gewöhnlich sind, derart zu fürchten, kann so groß sein, dass Betroffene mit niemandem darüber sprechen. Das ist umso bedauerlicher, da die Behandlungsmöglichkeiten durch Therapien und Medikamente heutzutage sehr gut sind und die große Mehrheit ihre krankhafte Angst mit professioneller Hilfe eindämmen kann.

Nicht nur in diesen Tagen hilft uns ein gewisses Maß der Angst und Vorsicht sicherlich, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Wir wünschen Ihnen und Ihren Liebsten, dass Sorgen und Ängste trotzdem nicht überhand nehmen. Passen Sie auf sich und die Menschen, die Ihnen wichtig sind auf und bleiben Sie gesund!

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